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"Wie viel Christentum braucht das Land?"


Ein Tagungsbericht
von Horst Gorbauch

Um es vorweg zu sagen: Die von Dr. Stefan Meißner für den Arbeitskreis der Religionslehrerverbände in Baden-Württemberg und von Dr. Heinz-Hermann Peitz für die Akademie in Hohenheim ebenso aufwändig (zwölf Referenten und Podiumsteilnehmer) wie überzeugend und klug konzipierte Tagung war ein voller Erfolg. Auffällig war das hohe Interesse von Personen aus der kirchlichen Schulverwaltung: Werner Baur (der auch Referent war) hatte aus dem Oberkirchenrat zwei Direktoren mitgebracht; auch der Leiter des Pädagogisch-Theologischen Zentrum der Evangelischen Landeskirche Württemberg war dabei, ebenso wie zwei Vertreter des Erzbischöflichen Ordinariats in Freiburg und Dr. Winger von der Hauptabteilung Schulen in Rottenburg. Auch sieben evangelische und katholische Schuldekan/innen nahmen an der Tagung teil. Dass sich so mitten in den Faschingsferien (11. – 12. 2.2016) insgesamt 76 Personen nach Hohenheim aufmachten, ist schon bemerkenswert.

Den Anfang der Referenten machte Dr. Axel-Bernd Kunze, Privatdozent an der Universität Bonn und Dozent für Pädagogik und stellvertretender Schulleiter an der Evangelischen Fachschule für Sozialpädagogik Weinstadt (und Inhaber verschiedener Lehraufträge anderswo). Zunächst machte er die Bedeutung des Letztbezugs der Verfassung („Erziehung in Ehrfurcht vor Gott“) für den Bildungsauftrag deutlich (z. B. gegen Neutralisierung religiöser Traditionen im öffentlichen Raum: Vgl. „Lichterfest“ statt „St. Martin“ im Kindergarten); dann benannte er einige religionspolitische Herausforderungen für den Bildungsbereich in einer pluralen Gesellschaft (z. B. fand er eine wechselseitige Verschränkung von Selbst- und Fremdwahrnehmung für die Kinder existenziell wichtig; Folgerung: es braucht einen starken konfessionellen RU). Schließlich wies er, in kritischem Bezug auf den neuen Bildungsplan, auf den Unterschied zwischen Toleranz und Akzeptanz hin: Toleranz meine gelten Lassen des anderen bei gleichzeitiger Ablehnung; Akzeptanz verlange positiven Zuspruch.

Ernst Schüly vom Kultusministerium stellte in seinem ersten, sehr informativen Beitrag noch einmal dien rechtlichen Rahmen des konfessionellen RU dar und gab einiges zur Statistik bekannt. So wies er auf die hohe Teilnahme der Schüler am RU hin (allerdings leicht rückläufig: 2013/14 71,7 %, 2014/15 70,7%). Das Prinzip der Konfessionalität bedingt ein immer zahlreicheres Angebot an Religionsunterrichten: Es gibt jetzt außer dem evangelischen und dem katholischen einen altkatholischen, einen syrisch-orthodoxen, einen jüdischen und einen alevitischen Lehrplan; ab 2016/17 soll es auch einen orthodoxen geben. Gelobt und mit eindrucksvollen Prozentzahlen belegt wurde das außerunterrichtliche Engagement der Religionslehrer/innen für Schülergottesdienste, Umgang mit Tod und Trauer, Tagen der Orientierung u. ä. Interessant war auch die Aufklärung darüber, an welchen Stellen im Ethikunterricht das Thema Religion auftaucht (an nicht allzu vielen).

Nach der Kaffeepause gab’s ein Podiumsgespräch zum Thema der Tagung. Hier gehe ich nur auf das breit gefächerte Spektrum der Teilnehmer ein: Pastor Steffen Beck eröffnete die Runde – ein Vertreter der Freikirchen (der evangelischen Allianz in Karlsruhe). Kurt Schatz ist evangelischer Schuldekan, Emina Corbo-Mesic Lehrbeauftragte für die Ausbildung islamischer Lehrer/innen. Von Dr. Michael Schmidt-Salomon, dem Vertreter der humanistischen Union und selbst ernanntem „advocatus diaboli“ der Runde, sei doch ein Satz zitiert: Er wollte die Frage der Tagung abändern in: „Wie viel Christentum verträgt das Land?“. Ihm folgte Oberkirchenrat Werner Baur.

OKR Baur sprach, im letzten Beitrag vor dem Abendessen, über die Auseinandersetzung um den baden-württembergischen Bildungsplan und die Wortmeldung der Kirchen dazu. Er erteilte dem Plan die Note „insgesamt gut“. Die Auseinandersetzung um die Forderung nach Akzeptanz sexueller Vielfalt habe überzogene Aufmerksamkeit gefunden; er sprach von einem „medialen Hype“. Wichtiger schien ihm eine vorsichtige Distanzierung von dem hoch individualistischen, konstruktivistischen Bildungsverständnis des Plans. Nicht nur Umgang mit Heterogenität sei wichtig, sondern auch Förden von Sozialität.

Nach dem Abendessen sprach Ministerialrat Schüly über das Modellprojekt islamischer Religionsunterricht, das er für das Kultusministerium begleitet und das ihm zu einem Herzensanliegen geworden ist. Das Projekt unterscheidet sich von einem regulären RU dadurch, dass es keinen Ansprechpartner des Ministeriums im staatskirchenrechtlichen Sinn gibt. Der Lehrplan ist deswegen von Lehrer/innen und Vertretern der Universität erarbeitet worden, ohne Mitwirkung der Vereine der Religionsgemeinschaften. Als Unterrichtende werden nur Personen mit einer Ausbildung als Lehrer (auch nur eines anderen Fachs) zugelassen; Ausbildungsmöglichkeiten zum islamischen Religionslehrer gibt es in Ludwigsburg, Karlsruhe und Weingarten. Damit ein solcher Unterricht eingeführt werden kann, müssen Gesamtlehrerkonferenz, Schulkonferenz und Schulträger zustimmen. Jetzt nehmen an dem Projekt Schulen aller Schultypen teil (auch drei Gymnasien); das Projekt ist zum zweiten Mal bis 2018 verlängert worden. In diesem Schuljahr werden an knapp 70 Schulen durch über 60 Lehrerinnen (und wenige Lehrer) knapp 4000 Schüler/innen unterrichtet. – Interessant war auch, dass von sehr positiven Reaktionen der Beteiligten berichtet werden konnte: Die Eltern sind sehr dankbar für das Angebot, sie fühlen sich dadurch gewürdigt und entwickeln einen neuen Bezug zur Schule (Teilnahme an Schulfesten, Klassenfahrten usw.). Auch die Sprachkompetenz der Schüler/innen habe sich verbessert. – Dr. Abdelmalek Hibaoui, Mitarbeiter am Zentrum für islamische Theologie an der Universität Tübingen, bestätigte und ergänzte diese Ausführungen in einem Kommentar.

Am Samstag ging’s nach einem Morgenimpuls von Kurt Schatz in der fast zu gut gefüllten Kapelle der Akademie weiter mit einer „Stimme aus der Wirtschaft“: Günter Veit, Chef eines mittelständischen Unternehmens (400 Mitarbeiter, Präsenz u. a. in Indien, Bangla Desh, Indonesien und China – also erfahren im Umgang mit Mitarbeitern anderer Religion), überzeugter Christ, unterstützt die bekannte These des ehemaligen Richters am Bundesverfassungsgericht, Ernst-Wolfgang Böckenförde: Religion ist Voraussetzung für Werte, die eine Gesellschaft ohne sie nicht schaffen kann. „Warum ist Christentum gut für die Wirtschaft?“, diese Frage lässt sich für ihn deshalb einfach beantworten: Wenn das Verhältnis der Teilnehmer am Wirtschaftsprozess von Vertrauen geprägt ist, weil man Grundüberzeugungen und Werte wie z. B. Ehrlichkeit teilt, gewinnt dieser Prozess an Geschwindigkeit, und die Kosten dafür gehen herunter. Sein Beispiel: die Kosten für die Flugsicherheit an den Flughäfen seit dem Akutwerden der Gefahr von Terroranschlägen. – Von daher ist Veits Klage über die Entchristlichung der Gesellschaft auch aus ökonomischer Perspektive verständlich.

Nach dem Kaffee referierte Dr. Peter Schreiner über die vielfältige Landschaft der Religionsunterrichte in den Staaten Europas. Nur in sehr wenigen Ländern (Albanien, Frankreich, Mazedonien, Montenegro, einigen Schweizer Kantonen und in Slowenien) gibt es gar keinen RU; sonst kann man die Erscheinungen in drei Grundformen einteilen: konfessioneller RU, von den Religionsgemeinschaften verantwortet, Wahlfach oder Wahlpflichtfach – in Kooperation von Staat und Kirche erteilter RU, der nicht mehr unbedingt konfessionell sein muss – vom Staat verantwortete, nicht-konfessionelle Religionskunde als Pflichtfach. Der Vortrag wurde immer wieder von Anfragen unterbrochen; so erhielten wir in gut anderthalb Stunden jede Menge spannender Informationen.

Nach dem Mittagessen informierte uns Peter Scheiger, der Schulleiter des St. Meinrad Gymnasiums in Rottenburg, über den Marchtaler Plan. Freundlicherweise sprang er für den erkrankten Harald Häupler, Stiftungsdirektor der Stiftung kath. Freie Schulen der Diözese Rottenburg-Stuttgart, ein.

Den Abschluss bildete eine Gruppenarbeit, deren Ergebnisse gemeinsam besprochen wurden. Vor allem das „Fenstermodell“ der Heidelberger Religionspädagogin Katja Boehme fand so großes Interesse, dass man ein wenig über das vorgesehene Ende von 16:30 beisammen blieb. Ihr Vorschlag läuft darauf hinaus, dass sich der konfessionelle Unterricht auf 75% des Jahres beschränkt. In den restlichen 25% sollen alle Gruppen zusammenkommen und einander Ergebnisse des Unterrichts vorher vorstellen. Es wurden auch weniger aufwändige Formen der Zusammenarbeit (vorübergehender Lehrertausch, gemeinsame Vorbereitung interreligiöser Feiern …) besprochen.

Wer sich näher interessiert, kann die Podiumsdiskussion im Internet anschauen: www.youtube.com/watch?v=CO-NmLZXFBg. - Es gibt auch ein Interview von Heinz-Hermann Peitz mit Michael Schmidt-Salomon, das am Rand der Tagung entstanden ist: www.forum-grenzfragen.de/schmidt-salomon-als-dawkins-for-kids-ein-interview-mit-klarstellungen/

Stefan Meißner hat im Anschluss an die Tagung vier Anforderungen formuliert, mit denen sich der Arbeitskreis der Religionslehrerverbände in Baden-Württemberg in der nächsten Zeit beschäftigen will:

1. Guter Religionsunterricht braucht überzeugende Religionslehrerpersönlichkeiten. Wie erfolgt die Personalauswahl, und sind die Arbeitsbedingungen im Beruf so, dass Religionslehrer mit Ausdrucksstärke diese durchhalten können? Der Arbeitskreis der Religionslehrerverbände wird auf seiner Tagung im April die Bearbeitung dieses Themas weiter ausgestalten.

2. Zeitgemäßer Religionsunterricht braucht interreligiöses Begegnungslernen in der Fächergruppe Religion-Ethik. Der Arbeitskreis der Religionslehrerbände wird nach der Klärung des Formates das Gespräch mit der INTERKO/ den Landeskirchen im Blick auf eine feste Verankerung des interreligiösen Begegnungslernens an den Schulen suchen.

3. Bildungsbegriff, Menschen- und Weltverständnis im neuen Bildungsplan. Der Arbeitskreis der Religionslehrerverbände wird (voraussichtlich zusammen mit den großen Lehrerverbänden) für einen Ort sorgen, an dem Interessierte über Gestalt, Einführung und Umsetzung der neuen Bildungspläne im Gespräch bleiben können.

4. Modellprojekt Islamischer Religionsunterricht. Der Arbeitskreis der Religionslehrerverbände wird (zusammen mit der Staatlichen Schulverwaltung) für einen Ort sorgen, an dem Interessierte über Gestaltung, Einführung und Umsetzung im Gespräch bleiben können. Ein erster Termin ist im Oktober/November 2016 vorgesehen.

  das komplette Programm als pdf-Datei

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Gespräch mit Vertretern des Landeselternbeirats am 11./12. Oktober 2013

Beim Gespräch mit Herrn Keck und Herrn Dr. Rees vom Landeselternbeirat wurden gemeinsame Interessen, Sorgen und Befürchtungen formuliert:
Gespräch mit folgenden Inhalten:

  • Stellung der Fächer Religion und Ethik
  • Zunehmend aggressiv auftretender Laizismus; tritt stärker auf, als er Unterstützung hat;
  • Jüdische Gemeinden Baden: keine Konkurrenz zw. Religion und Ethik; Ethik als Religionsersatzunterricht ist eigentlich falsch;
  • Freikirchliche SuS wieder stärker im evangelischen RU
  • Teilweise auch islamische Kinder im RU
  • Kirchliche KiTas auch für z.B. muslimische Kinder attraktiv (dient auch der Integration);
  • Wertekompass lieber von einem Religionslehrer vermittelt als von einem GK-Lehrer, von dem man nicht weiß, wo er verortet ist;
  • Wie steht LE-Beirat zur christlichen Gemeinschaftsschule?

Badischer Toleranzgedanke, Koedukation, integratives Element in der Gesellschaft wird positiv gesehen -> Warum nicht für alle Schularten?

  • Gedanken machen über Bildungsbegriff (Melanchton – Humboldt – wo stehen wir jetzt?/ Schulen nur noch Ausbildungsstätten?/ Kritisch hinterfragende Selbständigkeit)

-> selbstbewussteres Auftreten für den Religionsunterricht

  • Versuche vor Ort (z.B. 3. Klasse Kommunionunterricht, dann braucht man ja keinen RU -> dafür Bewegungsfach o.ä.) -> Eltern reagieren auf solche Vorschläge sehr sensibel, fragen nach, ob das überhaupt geht…
  • Berufliche Orientierung sollte größere Rolle spielen (v.a. am Gymnasium); stärkere Praxisorientierung; Schule soll befähigen seine Identität entwickeln zu können -> hier kommt eigentlich RU ins Spiel (Interesse der SuS gering); <- Sozialpraktikum greift hier sehr gut (an staatl. Schulen nicht im Bildungsplan verortet; kann nicht verpflichtend sein);
  • Reform der Lehrerausbildung (fürs Gymnasium eine stärkere pädagogische Kompetenz; Gymnasium 2020 geprägt durch Besitzstandswahrungsrechte);
  • Kein Interesse an der Abschaffung der Gymnasien (PhV Motive: Besoldung etc. wird nicht angesprochen, unter der Oberfläche geht es um etwas ganz anderes; es wird zu wenig nach Gemeinsamkeiten gesucht); -> Streichungen zurücknehmen, aber gerecht auf Schularten verteilen; Eltern müssen untereinander solidarisch sein (nicht schulartspezifisch);
  • Durch internationalen Bildungsvergleich wissen wir, wo wir stehen; um nicht hinten zu landen, muss Geld in die Hand genommen werden;
  • Verdacht: Inklusionssparpaket (in 2. Legislaturperiode);
    • Förderschulen sollen grundsätzlich erhalten bleiben;
    • Aus Recht zur Inklusion kann keine Pflicht zur Inklusion werden!!!
    • Keine Abschaffung des Berufsbildes des Sonderschullehrers (= hoch-spezialisierter Fachmann)
    • Inklusion nicht nur Aufgabe von Schule, sondern gesellschaftliche Aufgabe
    • Durch Inklusion entsteht großer Gewinn in Bezug auf soziales Lernen
  • Lehrerweiterbildung sehen wir sehr skeptisch; über Multiplikatoren kann dies nicht funktionieren;
  • LE-Beirat fordert Pflicht zur Weiterbildung! Muss auch zumutbar, erfolgversprechend, anreizender sein (vor Ort, zeitliche Organisation, gesamtes Kollegium…);
  • Lehrerarbeitszeitmodell ist überholt; muss an andere Länder angeglichen werden; Lehrer muss an der Schule sein und dort seine Arbeit machen; <- Schulen müssen anders gebaut sein!
  • Auch in der ersten und letzten Ferienwoche Präsenz in der Schule; -> systemisches Problem;
  • Symposium zum Thema: Ganztagesschule und bürgerliches Engagement
    • Wie kann Lebensumfeld in die Schule mit hinein genommen werden?
    • Ganztagesschule braucht pädagogisches Konzept
    • Projekte auch außerhalb des Schulgebäudes verorten; -> Verortung auch in der Zivilgesellschaft; dürfen kein „Feierabendniveau“ haben;
  • G9 und Gemeinschaftsschule in die Breite bringen;
    • Konkurrenz zw. G9 und Gemeinschaftsschule ist nicht unbedingt schlecht;
    • aktuell herrscht Staatsdirigismus
    • 80% der Eltern hätten lieber G9
  • 14% Einsparungen: Wie können Eltern und Lehrer gemeinsam handeln?
    • Was raten Elternvertreter? (zusätzlich weiter machen oder Signal an KuMi senden und streichen?); -> Rebellion
      • LE-Beirat wurde nicht gehört
      • deutliches politisches Signal setzen (-> Petition zur Zurücknahme)
      • Perspektive eröffnen; Sozialverträglichkeit;

FAZIT:
Gemeinsame Sorge:

  • Religion als Bildungsfach und Religion als Wertefach
  • Frage nach Gerechtigkeit von Bildung
  • Frage nach Qualität von Bildung
    • Eltern haben andere Möglichkeiten; Lehrer werden hier schnell missverstanden;
    • Schulgemeinschaft darf sich nicht auseinanderdividieren lassen -> dann wird es fürs KuMi leicht
  • Gedanke des Schulfriedens zu stärken à langfristige Dimension/ keine Schnellschüsse; ->Konsensbildung im gesellschaftlichen Diskurs

 

 

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Unterwegs im Web 2.0
 

 

 

Bericht von der Fortbildung „Digitale Welten als Lernanlässe für Religionsunterricht und Schule

Vom 11.-13. April 2013 fand im Tagungszentrum Stuttgart-Hohenheim die Tagung „Digitale Welten als Lernanlässe für Religionsunterricht und Schule“ statt. Veranstalterin war die Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart in Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis der Religionslehrerverbände in Baden-Württemberg (AK).
Die hervorragend besetzte Tagung bot den Teilnehmerinnen und Teilnehmern die Chance, sich über neue Entwicklungen in den digitalen Welten zu informieren, sich auszutauschen und in Workshops selbst einen Einblick zu bekommen.

Der erste Tag stand unter dem Thema: „Kinder und Jugendliche in digitalen Welten“. Zunächst wurde das Unterrichtsfach „Mensch und Medien“ vorgestellt, das in der Evangelischen Schule am Firstwald in Mössingen unterrichtet wird. „Mensch und Medien“ ist dort Kernfach (alternativ zu NWT) und wird ab Klasse 7 dreistündig unterrichtet. Ziel ist es, die „Schülerpersönlichkeit so zu stärken, dass daraus eine intelligente Nutzung der Medien zum Wohle des Menschen und in Verantwortung für unsere Welt wahrgenokmmen werden kann“, so der Referent Axel Wirsam, einer der MuM-Lehrer am Firstwald Gymnasium. Die Idee eines eigenständigen Medienunterrichts wurde von den Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmern positiv aufgenommen, im neuen Bildungsplan von 2015 wird dieses Fach jedoch nicht zu finden sein. Hier setzt die Bildungsplankommission auf die Implementierung der Medienkompetenzförderung in alle Fächer.
Anschließend stellte Niels Brüggen, wissenschaftlicher Mitarbeiter am JFF-Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis (München), Ergebnisse einer Studie zur Identität der Jugendlichen in digitalen Welten vor. Unsere SuS sind in den digitalen Welten zuhause und beziehen ihre Identität auch aus dieser vermeintlich virtuellen Welt, die für die Heranwachsenden allerdings ganz real zu sein scheint.
Als letzter Referent des ersten Tages präsentierte Joachim Rieß den Einsatz von Whiteboards im Religionsunterricht. Während viele der Tagungsteilnehmer hier eine Werbeveranstaltung der Firma SMART Technologies erwarteten, bot Rieß einen kurzweiligen Überblick über die Möglichkeiten, neue Medien und das Web 2.0 in den Schulalltag zu integrieren.

Der zweite Tag bot das Thema „Virtuelle Welten als Lernanlässe für den Religionsunterricht“. In das Thema führte Professor Dr. Bernd Trocholepczy ein, der gemeinsam mit seinem Mitarbeiter Jürgen Pelzer die Verbindung von Theologie und virtueller Kommunikation hervorhob und Chancen und Gefahren der virtuellen Kommunikation und des Web 2.0 darstellte. Als Religionslehrerinnen und Religionslehrer, so die Kernbotschaft seines Vortrages, haben wir den Auftrag, die neuen Medien als Mittel der Verkündigung zu nutzen: Soziale Netzwerke seien „Portale der Wahrheit und des Glaubens – neue Räume der Evangelisierung“ (Benedikt XVI.).
Wolfgang Schneider, Verwaltungsreferent in der Abteilung Schule und Bildung am Regierungspräsidium Tübingen, klärte anschließend über die rechtliche Situation auf. Neben Fragen zu Urheberrecht und Datenschutz thematisierte er auch den Einsatz von Facebook im Unterricht: Die Kommunikaton via Facebook (und andere Seiten) ist nach Ansicht der Landesregierung generell im schulischen Kontext nicht erlaubt, da die Server im Ausland liegen und der Zugriff Dritter ohne weiteres möglich sei.
In den nachmittäglichen Workshops informierten sich die Tagungsteilnehmer, deren Altersdurchschnitt überraschend bei Mitte/Ende 40 lag, über Audio- und Videoproduktion, die Arbeit mit Weblogs (Blogs), Webquests, Soziale Netzwerke, das Phänomen Facebook und auch Cyber-Bulling. Zum Ausklang des Tages spielte das Lehrerkabarett „Die Lehrer“ auf und setzte in seinem äußerst kurzweiligen Programm manch einem Kollegen den Spiegel vor.

Den letzten Tagungstag leitete René Scheppler ein. Der Lehrer für Gesellschaftslehre und Deutsch an der Helene-Langer-Schule in Wiesbaden praktiziert seit Beginn seiner Schulkarriere die enge Verzahnung von Web 2.0, digitalen Medien und Schule, bloggt darüber und ist mittlerweile ein viel gebuchter Referent zu diesem Themenfeld. Scheppler appellierte daran, die Schüler „mit ins Boot zu holen“ und von den Lernern zu lernen. SuS und Lehrkräfte könnten sich gegenseitig beim Umgang mit digitalen Medien unterstützen. Gerade reformpädagogische und integrative Lernansätze könnten durch das Web 2.0 transportiert und Kreativität gefördert werden. Dadurch ergebe sich auch eine neue Lehrerrolle, die Lehrkraft z.B. als „guide on your side“. René Scheppler beruhigte auch aber die anwesenden Kolleginnen und Kollegen: Der Einsatz der digitalen Medien erfolge auch in seinem Unterricht nur dort, wo er sinnvoll sei. Genau so gebe es auch in seinem Unterricht Lernsituationen, die als „klassisch“ bezeichnet werden könnten.
Die abschließende Diskussionsrunde, an der Vertreter aus dem Kultusministerium, den Schulabteilungen der Kirchen, aus dem Landesmedienzentrum Karlsruhe, dem Landeselternbeirat sowie dem Landesschülerbeirat teilnahmen, informierte über den aktuellen Stand der Bildungsplanarbeit, Forderungen der Elternschaft und die Interessen der SuS. Konsens herrschte bei der Forderung, die Medien- und Informationskompetenz der SuS sowie der LuL zu fördern und dieses Vorhaben auch in den neuen Bildungsplan verstärkt einzuarbeiten.
Mit einem abschließenden Gottesdienst endete die spannende und zukunftsgerichtete Tagung in Hohenheim. Als Multiplikatoren und vielleicht auch digitale Propheten kehrten die Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmer an ihre Heimatschulen zurück.

Valentin Schneider
 

 

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Gespräch des AK mit dem bildungspolitischen Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, Volker Schebesta am 16.10.2009
(Auszug aus dem Sitzungsprotokoll)
als Gast: Volker Schebesta

Nach Begrüßung des Gastes durch Andreas Stonis und einer Vorstellungsrunde erläutert A. Stonis einführend die Aufgabe der Religionslehrerverbände: u.a. Verankerung des Faches in der Schule und Engagement der ReligionslehrerInnen im Schulleben.
Herr Schebesta stellt sich vor: 38 Jahre alt, verheiratet, 3 Töchter (3-8 Jahre alt). Studium der Rechtswissenschaften, Parlamentarischer Berater der CDU-Landtagsfraktion für Wirtschaftspolitik, 1998-2001 persönlicher Referent von Minister Dr. Christoph Palmer, seit 2001 MdL, Vorsitz des AK Schule, Jugend und Sport der CDU-Landtagsfraktion, seit 2006 bildungspolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion.

Herr Schebesta legt Wert auf die Unterscheidung zwischen der Wichtigkeit eines Themas für die CDU und der öffentlichen Diskussion über ein Thema. So seien etwa Bildungsplanreform oder Verpflichtung der Schulen zu Evaluation (§ 114 SchG), obwohl wichtige Themen, wenig in der Öffentlichkeit präsent, während die Schulstrukturdebatte stärker in der Öffentlichkeit geführt werde und ihr so womöglich ein unverhältnismäßig hoher Stellenwert zukomme.

Einige bildungspolitische Schwerpunkte, die aus Sicht der CDU-Fraktion in den nächsten Jahren wichtig seien:
- Förderung von Kindern mit Migrationshintergrund:
aus Verantwortung für die Kinder, aus sozialen und integrationspolitischen Gründen und weil bei zunehmendem Fachkräftemangel Kinder mit Migrationshintergrund eine wichtige Bildungsreserve darstellen. Daher müssten Strukturen geschaffen werden, um „Elternhausdefizite“ auszugleichen.
- Ausbau der Sprachförderung im Elementarbereich.
- Senkung des Anteils an Schulabbrechern/Abgängern ohne Abschluss von derzeit ca. 6-7%.
- Aufrechterhaltung der Unterrichtsversorgung.
- Senkung des Klassenteilers: Ziel sei 28 in der kommenden Legislaturperiode. Mehr Schnelleres Tempo sei angesichts fehlenden Personals nicht erreichbar. Angesprochen darauf, dass es ja bei der Lehrereinstellung neben der Quantität v.a. auch auf die Qualität ankomme, konzediert Herr Schebesta, bei der Lehrereinstellung bestehe eine Begrenzung der Qualität, die mit dem – etwa im Vergleich zu Finnland – geringeren Ansehen des Lehrerberufs hierzulande zusammenhänge.
- Es sei davon auszugehen, dass die mit der Qualitätsoffensive Bildung gesetzten Maßstäbe (z.B. Bildungsregionen, Leitungszeiten der SchulleiterInnen, Senkung der Klassenteiler, Gewinnung von Mangelfachlehrkräften) auf Dauer gelten.
- Thema Schulstruktur:
Die Einführung der Neuen Werkrealschule (WRS) biete die Möglichkeit, den Mittleren Bildungsabschluss näher an solche Kinder bzw. Jugendliche und deren Elternhäuser heranzurücken, in deren Horizont dieser Abschluss bislang nicht vorkam. Wenn es im Zuge der Umsetzung des Konzepts der WRS zur Schließung kleinerer HS insbesondere im ländlichen Raum komme, so hänge dies v.a. auch mit dem gleichzeitig sich verschärfenden demographischen Wandel zusammen und dürfe nicht etwa als Ausdruck geringerer Wertschätzung des ländlichen Raumes ausgelegt werden. Gesamtschulen würden keine besseren Ergebnisse hervorbringen als das gegliederte Schulwesen. Schulstrukturen aus anderen, etwa bei PISA erfolgreicheren, Ländern als eine Art Allheilmittel zu übernehmen, hieße, es sich zu leicht machen. Für die Aufrechterhaltung des gegliederten Schulwesens spreche, dass in Baden-Württemberg der (wie Schebesta zugibt: gelegentlich schwer zu vermittelnde) Grundsatz „Kein Abschluss ohne Anschluss“ durch Übergangsregelungen umgesetzt sei. Es sei zu einfach, Strukturen aus anderen Ländern als Allheilmittel zu übernehmen.
- In Bezug auf die gestiegene Bedeutung einer individuelleren Begleitung von Kindern und Jugendlichen sieht Herr Schebesta – anders als zumindest ein Teil der Mitglieder des AK – keinen Bruch zwischen den Bildungsplänen (insbesondere deren ersten Teilen) und dem Handeln der Schulverwaltung.
- Als Inklusion von Kindern/Jugendlichen mit besonderem Förderbedarf will die CDU – entsprechend der Politik des Landes – Möglichkeiten der Beschulung solcher Kinder/Jugendlichen auch in der Regelschule ausbauen. Im Gespräch zwischen Eltern, Schulämtern und Schulen sollen Angebote gemacht werden, dass Eltern sich für den geeignetsten Weg entscheiden können.

Selbst aus der katholischen Jugendarbeit kommend, erwartet Herr Schebesta von gutem RU, dass darin eine angemessene Auseinandersetzung über Glaubensfragen stattfindet.

Eine akute Gefährdung des konfessionell gebundenen RU sieht Herr Schebesta derzeit nicht, wenn er auch zu bedenken gibt, dass eine breite öffentliche Debatte über den Status des RU durchaus zu für den RU ungünstigen Mehrheiten (bei der Bevölkerung ebenso wie im Landtag) führen könnte.
Eine solche Debatte könnte sich beispielsweise dann entzünden, wenn etwa – von irgendeiner Seite – an den derzeitigen Regelungen in Bezug auf das Fach Ethik gerüttelt werde.

Es folgt ein Meinungsaustausch über das Verhältnis von Religionsunterricht und Ethik. Die Mitglieder des AK verdeutlichen ihren Standpunkt, dass Ethik Ersatzfach bleiben solle.
Zum Hintergrund: Ethik wird flächendeckend erst ab Klasse 7 angeboten und hat den Status eines „Ersatzfaches“, zu dessen Besuch nur diejenigen SchülerInnen verpflichtet sind, die nicht am RU als ordentlichem Lehrfach teilnehmen.
Den schulorganisatorischen Problemen, die sich aus der Abmeldung von bis zu 15% eines Jahrgangs (verschärft im G8) vom RU ergeben, mit der Forderung nach einer Ausdehnung von Ethik als Ersatzfach bereits ab Klasse 5 oder gar ab Klasse 1 zu begegnen, ist nach Ansicht von Herrn Schebesta in mehrfacher Hinsicht problematisch:
- Flächendeckender Ethikunterricht ab Klasse 5 oder gar Klasse 1 würde enorme finanzielle Mehrbelastung für das Land mit sich bringen.
- Die Forderung nach früherem Ethikunterricht könnte eine Gegenforderung „Ethik als Wahlpflichtfach“ auslösen (was gegenüber dem Status „Ersatzfach“ eine Aufwertung des Faches Ethik bedeuten würde).
- Die Forderung nach früherem Ethikunterricht könnte wiederum die Forderung nach einem verpflichtenden Fach „Religionskunde“ auf den Plan rufen zu Lasten des RU, der sich dann in der Konsequenz als freiwilliges Angebot außerhalb des Pflichtstundenplans irgendwann am Nachmittag wiederfinden könnte.

Die Mitglieder des AK bringen zum Ausdruck, dass sie sich eine verbesserte Ethiklehrer-Ausbildung wünschen (Studiengang an PHs, keine aufgeweichten Leistungskriterien).

Seitens des AK wird darauf hingewiesen, dass durch die Herausnahme der Ein-Drittel-Regelung (nach der mindestens ein Drittel des Deputats von Religionslehrkräften im Landesdienst, die zugleich ein zweites, drittes etc. Fach unterrichten, Religion sein müsse) aus dem Organisationserlass eine verschärfte Unterversorgung mit RU entstanden sei, die nur durch den verstärkten Einsatz von ReligionslehrerInnen im kirchlichen Dienst kompensiert werden konnte. Herr Schebesta sieht nach 2002 „in der zeitlichen Folge keine Abnahme des Anteils an erteilten Stunden“ in Religion.

Zum islamischen Religionsunterricht liegen laut Schebesta gute Erfahrungen vor. Er stelle einen Beitrag zu gegenseitigem Interesse und Austausch zwischen den unterschiedlichen Kulturen dar. Muslime können so die Erfahrung machen, dass religiöse Werte und Religiosität einen Stellenwert in unserer Gesellschaft hätten.

Aus Perspektive der Beruflichen Schulen wird die Forderung formuliert, dass die Auszubildenden in den Handwerksberufen in puncto Ausbildungsbegleitende Hilfen (ABH) mit den Azubis in den Industrieberufen gleichgestellt werden müssten.
Hintergrund: Die von der Arbeitsagentur finanzierten Hilfen gibt es für BerufsschülerInnen ab dem 1. Lehrjahr, nicht jedoch für SchülerInnen der 1-jährigen Berufsfachschule (1BF), die aber häufig das 1. Lehrjahr ersetzt, was einer Schlechterstellung der SchülerInnen gleichkommt, die das erste Lehrjahr faktisch in einer 1BF absolvieren.

Die Chancen, die Bildungsregionen bieten, werden von Herrn Schebesta positiv beurteilt: Schulen brauchen die Wirtschaft, die Wirtschaft umgekehrt braucht gute Schulen. Beide Seiten sollten sich öffnen, was im Rahmen von Bildungsregionen deutlich erleichtert werde.

Andreas Stonis dankt Herrn Schebesta. Er drückt die Hoffnung des AK aus, auch in ihm einen Verbündeten im Landtag für eine Verbesserung von Schule und religiöser Bildung zu haben.
 

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RU 21 – Herausforderungen und Chancen für den Religionsunterricht
 

 

RU 21Es wird von vielen Seiten Mühe darauf verwendet herauszufinden, wie „Schule von morgen“ sein wird und wie sie sein muss, um all den Herausforderungen gerecht zu werden, die auf sie zukommen. Politiker sprechen schon vom 21. Jahrhundert als dem „Jahrhundert der Bildung“. Auch die Religionslehrerschaft beteiligt sich an diesem Denk-, Such- und Forschungsprozess in Theorie und Praxis. Für sie, die verantwortlichen Lehrkräfte für den Religionsunterricht an unseren Schulen, stehen im Mittelpunkt die Fragen: Was kann und was wird die religiös- ethische Bildung, was wird der Religionsunterricht, was wird die Religionslehrerschaft zu diesem Bildungsauftrag beitragen? Kann Schule auf diesen Beitrag verzichten und ihn durch ein, vorgeblich „neutrales“, für alle verbindliches Werte vermittelndes Fach ersetzen?

Rund 140 Lehrkräfte aus allen Schularten haben in einer Tagung des Arbeitskreises der Religionslehrerverbände in Baden- Württemberg in Bad Boll vom 23.4.-25.4. 2009 mit Wissenschaftlern, Vertretern der Kirchen und Praktikerinnen und Praktikern um diese Fragen intensiv gerungen.

Für die Didaktik und Fachdidaktik wies Prof. Nipkow den weitgespannten nationalen und internationalen Rahmen auf, in dem Bildungspolitik steht. Er umriss die Aufgaben in Schulorganisation, Lehrerbildung und Unterrichtsgestaltung, die Pädagogik und Theologie nur in engem Kontakt lösen können. Die religiöse Bildung Prof. Nipkowwird sich zu anderen Fächern hin öffnen, Schulkultur und den Umgang an der Schule beeinflussen, sich an Beratung und Seelsorge beteiligen. Für die Soziologie beschrieb Prof. Feige die Erwartungen junger Menschen an Schule und religiöse Themen, ihre Wertschätzung und ihre Skepsis. Hinter säkularen Sprachformen „verstecken“ sich häufig drängende Fragen nach Sinn und Orientierung. Bischof Bode, Jugendbischof der Katholischen Bischofskonferenz, betonte die hohe kirchliche Wertschätzung der Bildungsarbeit und beschrieb die Schwerpunkte der Kirchen für die Begegnung und Begleitung junger Menschen in und außerhalb von Schule. (Schul-) Praktiker stellten vielfältige innovative Projekte und Konzepte vor, in denen Schule schon heute Antworten auf die Herausforderungen sucht und erprobt.

Der deutsche Schulpreis für mutige Schulentwicklung
Zwei Lehrkräfte, Dr. Katja Mand und Friedemann Brandt, stellten „ihre“ Schule, die Offene Gesamtschule Kassel- Waldau vor. Anschaulich wurde der Bildungsgang der Schülerinnen und Schüler über die Klassenstufen 5 – 10 vorgestellt. Mit unterschiedlichen Formen von differenzierendem und selbst verantwortetem Lernen führt die Schule Schülerinnen und Schüler immer stärker zur Verantwortung für ihren Bildungsprozess. Formen der Freiarbeit, Projektunterricht, die Öffnung der Schule in ihre Umgebung, Schulsozialarbeit sind wesentliche Elemente. Feste und Feiern, Theater, Musik und Sport spielen eine bedeutende Rolle. Der Andachtsraum ist eine feste Einrichtung in dieser Schule, offen für Einkehr und Stille des einzelnen oder ganzer Klassen. Zwei Lehrkräfte, eine Lehrerin, ein Lehrer, begleiten eine Klasse über die gesamte Schulzeit und werden so zu intensiven Bezugspersonen für jeden einzelnen. Die Schulform der Ganztagesschule, das gemeinsame Essen in der Schule, Raum für gemeinsame Lern- und Freizeit sind selbsstverständlich. Das „gewohnte“ Schulleben wird weitgehend aufgelöst in freiere Lern- und Arbeitsformen. Schülerinnen und Schüler wählen selber Themen und Methoden, übernehmen Verantwortung für ihren Lernprozess und präsentieren selbständig ihre Ergebnisse. Für diese Schulentwicklung über Jahre hinweg, in der viele Schwierigkeiten überwunden werden mussten, erhielt die Schule den deutschen Schulpreis 2006.

In Workshops und beim reich bestückten „Markt der (pädagogischen) Möglichkeiten“ stellten sich viele Schulprojekte und Schulkonzepte vor. Sie bearbeiten Themenfelder, die in der Schule von morgen ganz ins Zentrum rücken werden. Schule wird sich öffnen, einmischen und mitmachen: Aspekte einer Friedenspädagogik, Gewalt- Prävention, Fragen der wirtschaftlichen und kulturellen Globalisierung, Integration in die Klassen- und Schulgemeinschaft, der fundierte, respektvolle Dialog der Religionen und Kulturen, mehr Chancengleichheit im Bildungsbereich, Einbeziehung der Elternschaft – alle diese Bemühungen, die es heute schon an einzelnen Stellen gibt, wurden eindrucksvoll in ihrer konkreten Arbeit vorgestellt und von den Teilnehmern geprüft. Sie wurden von den Lehrkräften mit der Schulentwicklung der eigenen Schule in Beziehung gesetzt und sollten motivieren, Lehrerkollegium und Schulgemeinschaft für weitere innovative Schritte zu gewinnen. Eindrucksvoll ist das Engagement solcher Schulkonzepte um eine pädagogische Weiterentwicklung von Schule. Es sind kirchliche Schulen, weitere Privatschulen sowie viele staatliche Schulen in allen Schularten. Die Spannbreite der vorgestellten Schulkonzepte reichte von UNESCO- Schulen (Internationale Öffnung, weltweite Schulpartnerschaften) über „Marchtaler- Plan- Schulen“ (Auflösung des strengen Fächerkanons, offenes, selbstbestimmtes Lernen, Einbeziehung der religiös-ethischen Dimension in alle Themenfelder) bis zu Jenaer-Plan- Schulen (Stärkung der sozialen Kompetenz: Jüngere lernen von und mit Älteren).

Podiumsgespräch
Jugendliche suchen Orientierung in der Schule
In einer Runde diskutierten Jugendliche gemeinsam mit Prof. Werner. Sie formulierten ihre Wünsche und Erwartungen an einen RU der Zukunft und an die Werteerziehung, die Schule ihrer Meinung nach leisten muss. Da gab es schon Kritik an manchem, was sie selbst erlebt haben, aber sie sahen insgesamt die Notwendigkeit, eines lebendigen, an den Problemen der jungen Menschen orientierten Religionsunterrichts, offen für unterschiedliche Positionen und Fragen. Damit wurden die Aussagen von Prof. Feige unterstützt, der als Soziologe in einer groß angelegten empirischen Untersuchung die religiösen Interessen junger Erwachsener erhoben hat und die Ergebnisse vorstellte.

Schulreferenten
Eine gemeinsame Bildungsverantwortung in der Kirche
Die Diskussion der Lehrerinnen und Lehrer mit „ihren“ verantwortlichen Schulreferenten der evangelischen Landeskirchen und Diözesen und der gemeinsame Schlussgottesdienst waren Ausdruck einer Verantwortung für den RU der Zukunft und für die best mögliche Weiterentwicklung der Schule, die von Lehrerschaft und Kirchenleitung gemeinsam getragen wird. Die Kirchenleitungen wurden von den Tagungsteilnehmern gebeten, die gute Zusammenarbeit zwischen den Konfessionen im RU in allen Schularten weiter auszubauen. Das baden-württembergische Modell einer Konfessionellen Kooperation wurde dabei als beispielhaft empfunden. Die Kirchenleitungen sollen bei der staatlichen Schulverwaltung darauf drängen, bessere Rahmenbedingungen für Schule zu schaffen und den Unterrichtsausfall, gerade auch im RU, abzubauen, Schulseelsorge und Schulsozialarbeit weiter zu entwickeln und den Einsatz kirchlicher Lehrkräfte in wichtigen Feldern schulischer Arbeit neben dem RU zu ermöglichen. Solche für die ganze Schule wichtige Arbeit muss in den Deputatsstunden angerechnet werden. Diese Schritte sind wesentlich bei der Entwicklung der „Schule von morgen“. Schule von morgen kann so von Kirche und Religionslehrerschaft mitgestaltet werden.

Was bleibt?
Schule von morgen wird in Umrissen heute schon sichtbar – das ist ermutigend! Es müssen nicht völlig neue Konzepte entwickelt und erprobt werden – sie liegen vor. Der internationale und nationale Vergleich zeigt in Schulorganisation und bei der pädagogischen Ausrichtung von Schulen Beispiele, wie auf Herausforderungen erfolgreich reagiert werden kann. In den auf der Tagung vorgestellten Schulkonzepten leben neben neuen Einsichten wesentliche Elemente der Reform¬pädagogik weiter. Sie müssen in der Breite umgesetzt werden. Dabei dürfen Schulen allerdings nicht nur auf Anweisungen „von oben“ warten, viele Innovationen müssen von unten nach oben entwickelt werden. Die Initiative der Schule und der Lehrerschaft ist gefragt.

Die großen Themen des konziliaren Prozesses - Frieden, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung - werden unabweisbar „die“ Aufgaben sein für die Schule von morgen. Eine bekenntnisgebundene religiöse Unterweisung, die zu Dialog und eigenständigem, kritischem Urteilen führt, wird im Ringen um diese und andere Themen unerlässlich sein - jedenfalls in der Meinung der versammelten Religionslehrerschaft.

Allerdings verlangt Weiterentwicklung von Schule erhebliche Anstrengungen aller Beteiligten, in der Schulorganisation, in der Ausstattung der Schulen, in der Lehreraus- und fortbildung, im Engagement der Eltern. Die Bildungspolitik muss, darin waren sich alle Teilnehmenden der Tagung einig, erheblich mehr an Aufmerksamkeit, Kreativität und Finanzmitteln in den Bildungsbereich investieren - die Jugend von heute und morgen hat ein Recht darauf! Die Religionslehrerschaft ist zur Mitgestaltung bereit.

Andreas Stonis, Sprecher des Arbeitskreises der Religionslehrerverbände in Baden- Württemberg

15.05.09

 

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Gespräch mit Bildungspolitikern der FDP am 18.10.2008

(Auszug aus dem Sitzungsprotokoll)

als Gäste: Herr Pascal Kober und Herr Harald Paulsen
Gesprächsleitung: Andreas Stonis...

Vorstellungsrunde:

paulsenHarald Paulsen: bis 2007 Lehrer am Gymnasium (D,G,Gk), jetzt parlamentarischer Berater der FDP Landtagsfraktion für den Bereich Schule, Bildung


koberPascal Kober: Pfr z. A. (Berufsschulzentrum in Calw), Mitglied in der FDP, seit 7 Jahren im Landesvorstand; in Vertretung von Dietmar Kleinmann (ebenfalls Pfarrer) (MdL-FDP)

Impuls: Hr Paulsen - Allgemeine Zielvorstellungen:

  • bestehendes, gegliedertes Schulwesen weiter ausdifferenzieren
  • Spannung zwischen „Einheitsschule“ und 3 gliedrigem Schulsystem
  • FDP: Weg dazwischen, gegliedertes Schulwesen weiter entwickeln, Schulversuche und Schulverbünde weiter ausprobieren und ggf. anerkennen, zulassen; Einheitsschule wird von der FDP kritisch beäugt, Zweifel an der individuellen Förderungsmöglichkeit und –leistung; wichtiges Anliegen: Förderung der Autonomie der Schulen, Einrichtung von Budgets, 70% der Stellen sollen schulscharf ausgeschrieben werden
  • Durch die Autonomie sollen Bedürfnisse vor Ort besser berücksichtigt werden, eine zentrale Steuerung lässt keine Gestaltungsmöglichkeiten zu; durch Autonomie soll die Bindung und das Engagement für die jeweilige Schule gefördert werden; zugleich besser „Wettbewerb“ zwischen den Schulen
  • Budgets in Zusammenhang mit Schulautonomie helfen: Schulausfälle direkt zu kompensieren, Wahlfreiheit in der Budgetausschöpfung: Klassenteiler senken, AGs anbieten; Budgets sollen verhindern, dass überstürzt zuviel personal eingestellt wird.

Diskussion zur Bildungspolitik

  • Stonis: Gefahr eines Auseinanderentwicklung der Schulen in Gute und Schlechte
  • Paulsen: auch eine zentrale Steuerung verhindert dies nicht, Frage des Ausgleichs zwischen Stadt und Land in der Budgetierung
  • Wronka: Ausgestaltung des Budget und Personaleinstellung
  • Paulsen: Budgets liegen noch nicht fest, geklärt müssen dienstrechltiche Fragestellungen
  • Georgi: Frage zur Ausgestaltung der Leitungsfunktionen in Schulen („Mittellähmschicht“); Frage der Qualität von Schulleitungen (Schatz), Frage nach dem Beamtenstatus von Lehrern (Kretschmann); Schulleiter auf Zeit etc...
  • Paulsen: Beschlusslage der Partei: Autonomie der Schulen heißt: Zutrauen und Demokratisierung der Schule (Wahl des Schulleiters durch die Schulkonferenz der Schule); Angebote zur Förderung des Personalmanagements;
  • Stonis: Gibt es dazu schon Erfahrungen?
  • Paulsen: niederländisches Schulmodell als Idee; Ergänzung Kober: Schulmodell lebt vom Zutrauen in den gestaltenden Menschen
  • Stonis: konzeptionelle Gedanken zur Lehrerbildung
  • Paulsen: dazu demnächst Einrichtung einer Arbeitsgruppe der Fraktion, stärkere schulstufenbezogene Ausbildung, Austausch zwischen den Bildungsgängen gleicher Jahrgangsstufen, Sinn für die andere Schulart entwickeln, Öffnung der Laufbahn für Lehrkräfte
  • Paulsen: Beamtenstatus entscheidet nicht über die Frage der Autonomisierung der Schule, Lehrer bleiben Landesbedienstete; ABER der Beamtenstatus schränkt die Handlungsfreiheit der Schulen ein, keine Fixierung auf den Beamtenstatus der Lehrer; FDP-BW Skepsis gegen bundeseinheitlichkeit der Ausbildung und Abschlüsse,

FDP-BW zur religiös-ethischen Bildung:

  • Kober: RL/Kirche muss sich einmischen, kein Rütteln am konfessionellen RU in der FDP-BW (Mehrheitsmeinung), an der christlichen Gemenischaftsschule wird nicht gerüttelt, da keine Alternative sichtbar; Ethik ja, gleichwertig aber nicht gleichrangig(!), LER, Berliner Modell keine Vorstellungen für die FDP, Islam als gleichwertiger Unterricht – Frage der Herkunft und Ausbildung der RL, die nicht nur Islam, sondern auch ein anderes Fach unterrichtet, Ausbau des Islam-Unterrichts in allen Schularten, gebundene Ganztagsschule wird Schule der Zukunft sein, daher auch Notwendigkeit zur Schulsozialarbeit und Schulseelsorge – wird unterstützt von der FDP,
  • Paulsen: gebundene Ganztagsschule soll nicht flächendeckend eingeführt werden, es sollte eine Wahlmöglichkeit in den einzelnen Regionen geben; Werbung für variable Schulformen zwischen Halbtagsschule und Ganztagsschule, Frage der Zuständigkeit für die Schulsozialarbeit – Land gibt Anschubfinfnazierung und die Finanzierung wird dann von den Kommunenen übernommen,

 

  • Exkurs:
    Zahlen: RL gesamt für 2006/2007: 110.637; davon 44.280 in kirchl. Anstellung und 66.357 in staatlicher Anstellung; Teilnehmer im RU (2006/2007): 1.176.648; Abmeldungen: 39.928 (Drucksache 14/2676 vom 2.5.2008)

 

  • Nachfragen/Anfragen des AK's an die FDP:
    - mangelhafte Versorgung des RU v.a. den Berufsschulen
    - Druck der Betriebe und Innungsbetriebe auf die Schulen, die Schüler vermehrt für den Betrieb auf Kosten des RU freizustellen
    - Finanzierung des RU – mangelhafte Umsetzung der Drittelfinanzierung (2/3 Land – 1/3 Kirche) – Land kommt dieser Verpflichtung nicht nach!

Dazu passend eine Meldung von Radio Vatikan vom 24.01.10:

Der FDP-Bundestagsabgeordnete Pascal Kober hat das deutsche Staatskirchenrecht verteidigt. „Weil ich nicht will, dass es weltanschauliche Totalität gibt, halte ich das deutsche Staatskirchenrecht für die beste denkbare Lösung“, so Kober am Samstag in Berlin. In Deutschland gebe es keine Staatskirche. Dies bedeute auch, dass der Staat keine Kirche sein dürfe. „Was wäre gewesen, wenn es in der DDR zwei Stunden Religionsunterricht pro Woche an den Schulen gegeben hätte?“, fragte Kober. Nach seine Ansicht hätte, die Diktatur des Staates dann so nicht funktioniert. Kober äußerte sich bei einer Tagung der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung und der Humanistischen Union (HU).
Zuvor hatte der Verwaltungsjurist Johann-Albrecht Haupt, der Mitglied im Bundesvorstand der HU ist, scharfe Kritik am deutschen Staatskirchenrecht geübt. „In Deutschland ist die Trennung von Thron und Altar keineswegs verwirklicht“, so der Jurist. Für die beiden großen Kirchen gebe es mindestens 38 Privilegien, die sie im Widerspruch zum Grundgesetz besäßen. Dazu zählten etwa ermäßigte Notariatsgebühren, die Sitze der Kirchen in den Rundfunkräten oder theologische Fakultäten, die vom Staat finanziert würden.
Bei der Tagung kritisierte Kober die Humanistische Union. Er habe den Eindruck, dass die Motivation des Verbandes für ihre Arbeit auch daher komme, dass sie den Kirchen „bestimmte Dinge nicht gönnt“. Eine Zusammenarbeit seiner Partei mit dem Verband könne er sich nur vorstellen, wenn sich der Verband rechtlich „etwas aufbaue“, aber nicht, wenn er dafür sorge, dass „anderen etwas weggekürzt wird“.

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Arbeitskreis der Religionslehrerverbände in Baden-Württemberg