Arbeitskreis
der Religionslehrerverbände

  in Baden-Württemberg

RU 21 –
Der Beitrag der religiösen Bildung in der „Schule von morgen“

Es wird von vielen Seiten Mühe darauf verwendet herauszufinden, wie „Schule von morgen“ sein wird und wie sie sein muss, um all den Herausforderungen gerecht zu werden, die auf sie zukommen. Politiker sprechen schon vom 21. Jahrhundert als dem „Jahrhundert der Bildung“. Auch die Religionslehrerschaft beteiligt sich an diesem Denk-, Such- und Forschungsprozess in Theorie und Praxis. Für sie, die verantwortlichen Lehrkräfte für den Religionsunterricht an unseren Schulen, stehen im Mittelpunkt die Fragen: Was kann und was wird die religiös- ethische Bildung, was wird der Religionsunterricht, was wird die Religionslehrerschaft zu diesem Bildungsauftrag beitragen? Kann Schule auf diesen Beitrag verzichten und ihn durch ein, vorgeblich „neutrales“, für alle verbindliches Werte vermittelndes Fach ersetzen?

Rund 140 Lehrkräfte aus allen Schularten haben in einer Tagung des Arbeitskreises der Religionslehrerverbände in Baden- Württemberg in Bad Boll vom 23.4.-25.4. 2009 mit Wissenschaftlern, Vertretern der Kirchen und Praktikerinnen und Praktikern um diese Fragen intensiv gerungen.

Für die Didaktik und Fachdidaktik wies Prof. Nipkow den weitgespannten nationalen und internationalen Rahmen auf, in dem Bildungspolitik steht. Er umriss die Aufgaben in Schulorganisation, Lehrerbildung und Unterrichtsgestaltung, die Pädagogik und Theologie nur in engem Kontakt lösen können. Die religiöse Bildung wird sich zu anderen Fächern hin öffnen, Schulkultur und den Umgang an der Schule beeinflussen, sich an Beratung und Seelsorge beteiligen. Für die Soziologie beschrieb Prof. Feige die Erwartungen junger Menschen an Schule und religiöse Themen, ihre Wertschätzung und ihre Skepsis. Hinter säkularen Sprachformen „verstecken“ sich häufig drängende Fragen nach Sinn und Orientierung. Bischof Bode, Jugendbischof der Katholischen Bischofskonferenz, betonte die hohe kirchliche Wertschätzung der Bildungsarbeit und beschrieb die Schwerpunkte der Kirchen für die Begegnung und Begleitung junger Menschen in und außerhalb von Schule. (Schul-) Praktiker stellten vielfältige innovative Projekte und Konzepte vor, in denen Schule schon heute Antworten auf die Herausforderungen sucht und erprobt.

Der deutsche Schulpreis für mutige Schulentwicklung
Zwei Lehrkräfte, Dr. Katja Mand und Friedemann Brandt, stellten „ihre“ Schule, die Offene Gesamtschule Kassel- Waldau vor. Anschaulich wurde der Bildungsgang der Schülerinnen und Schüler über die Klassenstufen 5 – 10 vorgestellt. Mit unterschiedlichen Formen von differenzierendem und selbst verantwortetem Lernen führt die Schule Schülerinnen und Schüler immer stärker zur Verantwortung für ihren Bildungsprozess. Formen der Freiarbeit, Projektunterricht, die Öffnung der Schule in ihre Umgebung, Schulsozialarbeit sind wesentliche Elemente. Feste und Feiern, Theater, Musik und Sport spielen eine bedeutende Rolle. Der Andachtsraum ist eine feste Einrichtung in dieser Schule, offen für Einkehr und Stille des einzelnen oder ganzer Klassen. Zwei Lehrkräfte, eine Lehrerin, ein Lehrer, begleiten eine Klasse über die gesamte Schulzeit und werden so zu intensiven Bezugspersonen für jeden einzelnen. Die Schulform der Ganztagesschule, das gemeinsame Essen in der Schule, Raum für gemeinsame Lern- und Freizeit sind selbsstverständlich. Das „gewohnte“ Schulleben wird weitgehend aufgelöst in freiere Lern- und Arbeitsformen. Schülerinnen und Schüler wählen selber Themen und Methoden, übernehmen Verantwortung für ihren Lernprozess und präsentieren selbständig ihre Ergebnisse. Für diese Schulentwicklung über Jahre hinweg, in der viele Schwierigkeiten überwunden werden mussten, erhielt die Schule den deutschen Schulpreis 2006.

In Workshops und beim reich bestückten „Markt der (pädagogischen) Möglichkeiten“ stellten sich viele Schulprojekte und Schulkonzepte vor. Sie bearbeiten Themenfelder, die in der Schule von morgen ganz ins Zentrum rücken werden. Schule wird sich öffnen, einmischen und mitmachen: Aspekte einer Friedenspädagogik, Gewalt- Prävention, Fragen der wirtschaftlichen und kulturellen Globalisierung, Integration in die Klassen- und Schulgemeinschaft, der fundierte, respektvolle Dialog der Religionen und Kulturen, mehr Chancengleichheit im Bildungsbereich, Einbeziehung der Elternschaft – alle diese Bemühungen, die es heute schon an einzelnen Stellen gibt, wurden eindrucksvoll in ihrer konkreten Arbeit vorgestellt und von den Teilnehmern geprüft. Sie wurden von den Lehrkräften mit der Schulentwicklung der eigenen Schule in Beziehung gesetzt und sollten motivieren, Lehrerkollegium und Schulgemeinschaft für weitere innovative Schritte zu gewinnen. Eindrucksvoll ist das Engagement solcher Schulkonzepte um eine pädagogische Weiterentwicklung von Schule. Es sind kirchliche Schulen, weitere Privatschulen sowie viele staatliche Schulen in allen Schularten. Die Spannbreite der vorgestellten Schulkonzepte reichte von UNESCO- Schulen (Internationale Öffnung, weltweite Schulpartnerschaften) über „Marchtaler- Plan- Schulen“ (Auflösung des strengen Fächerkanons, offenes, selbstbestimmtes Lernen, Einbeziehung der religiös-ethischen Dimension in alle Themenfelder) bis zu Jenaer-Plan- Schulen (Stärkung der sozialen Kompetenz: Jüngere lernen von und mit Älteren).


Jugendliche suchen Orientierung in der Schule

In einer Runde diskutierten Jugendliche gemeinsam mit Prof. Werner. Sie formulierten ihre Wünsche und Erwartungen an einen RU der Zukunft und an die Werteerziehung, die Schule ihrer Meinung nach leisten muss. Da gab es schon Kritik an manchem, was sie selbst erlebt haben, aber sie sahen insgesamt die Notwendigkeit, eines lebendigen, an den Problemen der jungen Menschen orientierten Religionsunterrichts, offen für unterschiedliche Positionen und Fragen. Damit wurden die Aussagen von Prof. Feige unterstützt, der als Soziologe in einer groß angelegten empirischen Untersuchung die religiösen Interessen junger Erwachsener erhoben hat und die Ergebnisse vorstellte.


Eine gemeinsame Bildungsverantwortung in der Kirche

Die Diskussion der Lehrerinnen und Lehrer mit „ihren“ verantwortlichen Schulreferenten der evangelischen Landeskirchen und Diözesen und der gemeinsame Schlussgottesdienst waren Ausdruck einer Verantwortung für den RU der Zukunft und für die best mögliche Weiterentwicklung der Schule, die von Lehrerschaft und Kirchenleitung gemeinsam getragen wird. Die Kirchenleitungen wurden von den Tagungsteilnehmern gebeten, die gute Zusammenarbeit zwischen den Konfessionen im RU in allen Schularten weiter auszubauen. Das baden-württembergische Modell einer Konfessionellen Kooperation wurde dabei als beispielhaft empfunden. Die Kirchenleitungen sollen bei der staatlichen Schulverwaltung darauf drängen, bessere Rahmenbedingungen für Schule zu schaffen und den Unterrichtsausfall, gerade auch im RU, abzubauen, Schulseelsorge und Schulsozialarbeit weiter zu entwickeln und den Einsatz kirchlicher Lehrkräfte in wichtigen Feldern schulischer Arbeit neben dem RU zu ermöglichen. Solche für die ganze Schule wichtige Arbeit muss in den Deputatsstunden angerechnet werden. Diese Schritte sind wesentlich bei der Entwicklung der „Schule von morgen“. Schule von morgen kann so von Kirche und Religionslehrerschaft mitgestaltet werden.

Was bleibt?
Schule von morgen wird in Umrissen heute schon sichtbar – das ist ermutigend! Es müssen nicht völlig neue Konzepte entwickelt und erprobt werden – sie liegen vor. Der internationale und nationale Vergleich zeigt in Schulorganisation und bei der pädagogischen Ausrichtung von Schulen Beispiele, wie auf Herausforderungen erfolgreich reagiert werden kann. In den auf der Tagung vorgestellten Schulkonzepten leben neben neuen Einsichten wesentliche Elemente der Reform¬pädagogik weiter. Sie müssen in der Breite umgesetzt werden. Dabei dürfen Schulen allerdings nicht nur auf Anweisungen „von oben“ warten, viele Innovationen müssen von unten nach oben entwickelt werden. Die Initiative der Schule und der Lehrerschaft ist gefragt.

Die großen Themen des konziliaren Prozesses - Frieden, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung - werden unabweisbar „die“ Aufgaben sein für die Schule von morgen. Eine bekenntnisgebundene religiöse Unterweisung, die zu Dialog und eigenständigem, kritischem Urteilen führt, wird im Ringen um diese und andere Themen unerlässlich sein - jedenfalls in der Meinung der versammelten Religionslehrerschaft.

Allerdings verlangt Weiterentwicklung von Schule erhebliche Anstrengungen aller Beteiligten, in der Schulorganisation, in der Ausstattung der Schulen, in der Lehreraus- und fortbildung, im Engagement der Eltern. Die Bildungspolitik muss, darin waren sich alle Teilnehmenden der Tagung einig, erheblich mehr an Aufmerksamkeit, Kreativität und Finanzmitteln in den Bildungsbereich investieren - die Jugend von heute und morgen hat ein Recht darauf! Die Religionslehrerschaft ist zur Mitgestaltung bereit.

Andreas Stonis, Sprecher des Arbeitskreises der Religionslehrerverbände in Baden- Württemberg
15.05.09