Arbeitskreis
der Religionslehrerverbände

  in Baden-Württemberg


Gespräch mit dem bildungspolitischen Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, Volker Schebesta
am 16.10.2009

(Auszug aus dem Sitzungsprotokoll)

schebestaals Gast: Volker Schebesta
Nach Begrüßung des Gastes durch Andreas Stonis und einer Vorstellungsrunde erläutert A. Stonis einführend die Aufgabe der Religionslehrerverbände :u.a. Verankerung des Faches in der Schule und Engagement der ReligionslehrerInnen im Schulleben.
Herr Schebesta stellt sich vor: 38 Jahre alt, verheiratet, 3 Töchter (3-8 Jahre alt). Studium der Rechtswissenschaften, Parlamentarischer Berater der CDU-Landtagsfraktion für Wirtschaftspolitik, 1998-2001 persönlicher Referent von Minister Dr. Christoph Palmer, seit 2001 MdL, Vorsitz des AK Schule, Jugend und Sport der CDU-Landtagsfraktion, seit 2006 bildungspolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion.

Herr Schebesta legt Wert auf die Unterscheidung zwischen der Wichtigkeit eines Themas für die CDU und der öffentlichen Diskussion über ein Thema. So seien etwa Bildungsplanreform oder Verpflichtung der Schulen zu Evaluation (§ 114 SchG), obwohl wichtige Themen, wenig in der Öffentlichkeit präsent, während die Schulstrukturdebatte stärker in der Öffentlichkeit geführt werde und ihr so womöglich ein unverhältnismäßig hoher Stellenwert zukomme.

Einige bildungspolitische Schwerpunkte, die aus Sicht der CDU-Fraktion in den nächsten Jahren wichtig seien:
- Förderung von Kindern mit Migrationshintergrund:
aus Verantwortung für die Kinder, aus sozialen und integrationspolitischen Gründen und weil bei zunehmendem Fachkräftemangel Kinder mit Migrationshintergrund eine wichtige Bildungsreserve darstellen. Daher müssten Strukturen geschaffen werden, um „Elternhausdefizite“ auszugleichen.
- Ausbau der Sprachförderung im Elementarbereich.
- Senkung des Anteils an Schulabbrechern/Abgängern ohne Abschluss von derzeit ca. 6-7%.
- Aufrechterhaltung der Unterrichtsversorgung.
- Senkung des Klassenteilers: Ziel sei 28 in der kommenden Legislaturperiode. Mehr Schnelleres Tempo sei angesichts fehlenden Personals nicht erreichbar. Angesprochen darauf, dass es ja bei der Lehrereinstellung neben der Quantität v.a. auch auf die Qualität ankomme, konzediert Herr Schebesta, bei der Lehrereinstellung bestehe eine Begrenzung der Qualität, die mit dem – etwa im Vergleich zu Finnland – geringeren Ansehen des Lehrerberufs hierzulande zusammenhänge.
- Es sei davon auszugehen, dass die mit der Qualitätsoffensive Bildung gesetzten Maßstäbe (z.B. Bildungsregionen, Leitungszeiten der SchulleiterInnen, Senkung der Klassenteiler, Gewinnung von Mangelfachlehrkräften) auf Dauer gelten.
- Thema Schulstruktur:
Die Einführung der Neuen Werkrealschule (WRS) biete die Möglichkeit, den Mittleren Bildungsabschluss näher an solche Kinder bzw. Jugendliche und deren Elternhäuser heranzurücken, in deren Horizont dieser Abschluss bislang nicht vorkam. Wenn es im Zuge der Umsetzung des Konzepts der WRS zur Schließung kleinerer HS insbesondere im ländlichen Raum komme, so hänge dies v.a. auch mit dem gleichzeitig sich verschärfenden demographischen Wandel zusammen und dürfe nicht etwa als Ausdruck geringerer Wertschätzung des ländlichen Raumes ausgelegt werden. Gesamtschulen würden keine besseren Ergebnisse hervorbringen als das gegliederte Schulwesen. Schulstrukturen aus anderen, etwa bei PISA erfolgreicheren, Ländern als eine Art Allheilmittel zu übernehmen, hieße, es sich zu leicht machen. Für die Aufrechterhaltung des gegliederten Schulwesens spreche, dass in Baden-Württemberg der (wie Schebesta zugibt: gelegentlich schwer zu vermittelnde) Grundsatz „Kein Abschluss ohne Anschluss“ durch Übergangsregelungen umgesetzt sei. Es sei zu einfach, Strukturen aus anderen Ländern als Allheilmittel zu übernehmen.
- In Bezug auf die gestiegene Bedeutung einer individuelleren Begleitung von Kindern und Jugendlichen sieht Herr Schebesta – anders als zumindest ein Teil der Mitglieder des AK – keinen Bruch zwischen den Bildungsplänen (insbesondere deren ersten Teilen) und dem Handeln der Schulverwaltung.
- Als Inklusion von Kindern/Jugendlichen mit besonderem Förderbedarf will die CDU – entsprechend der Politik des Landes – Möglichkeiten der Beschulung solcher Kinder/Jugendlichen auch in der Regelschule ausbauen. Im Gespräch zwischen Eltern, Schulämtern und Schulen sollen Angebote gemacht werden, dass Eltern sich für den geeignetsten Weg entscheiden können.

Selbst aus der katholischen Jugendarbeit kommend, erwartet Herr Schebesta von gutem RU, dass darin eine angemessene Auseinandersetzung über Glaubensfragen stattfindet.

Eine akute Gefährdung des konfessionell gebundenen RU sieht Herr Schebesta derzeit nicht, wenn er auch zu bedenken gibt, dass eine breite öffentliche Debatte über den Status des RU durchaus zu für den RU ungünstigen Mehrheiten (bei der Bevölkerung ebenso wie im Landtag) führen könnte.
Eine solche Debatte könnte sich beispielsweise dann entzünden, wenn etwa – von irgendeiner Seite – an den derzeitigen Regelungen in Bezug auf das Fach Ethik gerüttelt werde.

Es folgt ein Meinungsaustausch über das Verhältnis von Religionsunterricht und Ethik. Die Mitglieder des AK verdeutlichen ihren Standpunkt, dass Ethik Ersatzfach bleiben solle.
Zum Hintergrund: Ethik wird flächendeckend erst ab Klasse 7 angeboten und hat den Status eines „Ersatzfaches“, zu dessen Besuch nur diejenigen SchülerInnen verpflichtet sind, die nicht am RU als ordentlichem Lehrfach teilnehmen.
Den schulorganisatorischen Problemen, die sich aus der Abmeldung von bis zu 15% eines Jahrgangs (verschärft im G8) vom RU ergeben, mit der Forderung nach einer Ausdehnung von Ethik als Ersatzfach bereits ab Klasse 5 oder gar ab Klasse 1 zu begegnen, ist nach Ansicht von Herrn Schebesta in mehrfacher Hinsicht problematisch:
- Flächendeckender Ethikunterricht ab Klasse 5 oder gar Klasse 1 würde enorme finanzielle Mehrbelastung für das Land mit sich bringen.
- Die Forderung nach früherem Ethikunterricht könnte eine Gegenforderung „Ethik als Wahlpflichtfach“ auslösen (was gegenüber dem Status „Ersatzfach“ eine Aufwertung des Faches Ethik bedeuten würde).
- Die Forderung nach früherem Ethikunterricht könnte wiederum die Forderung nach einem verpflichtenden Fach „Religionskunde“ auf den Plan rufen zu Lasten des RU, der sich dann in der Konsequenz als freiwilliges Angebot außerhalb des Pflichtstundenplans irgendwann am Nachmittag wiederfinden könnte.

Die Mitglieder des AK bringen zum Ausdruck, dass sie sich eine verbesserte Ethiklehrer-Ausbildung wünschen (Studiengang an PHs, keine aufgeweichten Leistungskriterien).

Seitens des AK wird darauf hingewiesen, dass durch die Herausnahme der Ein-Drittel-Regelung (nach der mindestens ein Drittel des Deputats von Religionslehrkräften im Landesdienst, die zugleich ein zweites, drittes etc. Fach unterrichten, Religion sein müsse) aus dem Organisationserlass eine verschärfte Unterversorgung mit RU entstanden sei, die nur durch den verstärkten Einsatz von ReligionslehrerInnen im kirchlichen Dienst kompensiert werden konnte. Herr Schebesta sieht nach 2002 „in der zeitlichen Folge keine Abnahme des Anteils an erteilten Stunden“ in Religion.

Zum islamischen Religionsunterricht liegen laut Schebesta gute Erfahrungen vor. Er stelle einen Beitrag zu gegenseitigem Interesse und Austausch zwischen den unterschiedlichen Kulturen dar. Muslime können so die Erfahrung machen, dass religiöse Werte und Religiosität einen Stellenwert in unserer Gesellschaft hätten.

Aus Perspektive der Beruflichen Schulen wird die Forderung formuliert, dass die Auszubildenden in den Handwerksberufen in puncto Ausbildungsbegleitende Hilfen (ABH) mit den Azubis in den Industrieberufen gleichgestellt werden müssten.
Hintergrund: Die von der Arbeitsagentur finanzierten Hilfen gibt es für BerufsschülerInnen ab dem 1. Lehrjahr, nicht jedoch für SchülerInnen der 1-jährigen Berufsfachschule (1BF), die aber häufig das 1. Lehrjahr ersetzt, was einer Schlechterstellung der SchülerInnen gleichkommt, die das erste Lehrjahr faktisch in einer 1BF absolvieren.

Die Chancen, die Bildungsregionen bieten, werden von Herrn Schebesta positiv beurteilt: Schulen brauchen die Wirtschaft, die Wirtschaft umgekehrt braucht gute Schulen. Beide Seiten sollten sich öffnen, was im Rahmen von Bildungsregionen deutlich erleichtert werde.

Andreas Stonis dankt Herrn Schebesta. Er drückt die Hoffnung des AK aus, auch in ihm einen Verbündeten im Landtag für eine Verbesserung von Schule und religiöser Bildung zu haben.